Jussuf Abbo

 

4.12.19 BIS 29.03.20

Grafik

Jussuf Abbo wurde um 1888/1890 – das genaue Datum ist nicht überliefert – als Sohn jüdischer Eltern in Safed im Osmanischen Reich geboren. Er arbeitete zunächst als Steinmetz und Zeichner unter dem preußischen Hofbaumeister Otto Hoffmann am Bau der Kaiserin Auguste Victoria-Stiftung in Jerusalem. Dort wurde sein Arbeitgeber auf sein künstlerisches Talent aufmerksam und vermittelte ihm eine Ausbildung in Berlin. Ende 1913 begann er dort ein Studium der Bildhauerei an der Königlichen akademischen Hochschule für bildende Künste. Schnell fand er Zugang zu den progressiven Kreisen in der Stadt und stellte ab 1917 in der Berliner Secession, u. a. bei den bedeutenden Galeristen Paul Cassirer, Ferdinand Möller und Alfred Flechtheim, aber auch international aus. Seine erste größere Einzelausstellung fand im Sommer 1921 in der Galerie von Garvens in Hannover statt, und Herbert von Garvens wurde Abbos wichtigster Sammler und Förderer.

Seine Skulpturen wurden in einem Atemzug mit Werken von Georg Kolbe, Wilhelm Lehmbruck und Rudolf Belling genannt, bedeutende Museen in Hamburg, Berlin, Mannheim und Chemnitz kauften seine Arbeiten. Auch in Hannover erwarben 1930 die Städtische Galerie und das Provinzial-Museum eine Skulptur und drei Zeichnungen von ihm. Abbo war auswärtiges Mitglied der Hannoverschen Sezession, stellte im Kunstverein Hannover aus und war u. a. bekannt mit Kurt Schwitters und Käte Steinitz, die auch Porträtfotografien von ihm anfertigte.

Bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war er antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. 1935 gelang es dem inzwischen staatenlos gewordenen Künstler und seiner Familie nach England auszureisen. In London versuchte Abbo künstlerisch wieder Fuß zu fassen und am Kunstleben teilzunehmen, doch vergeblich: Im Jahr 1953 starb Jussuf Abbo mit 63 Jahren krank und verarmt in der englischen Hauptstadt.

Heute ist Jussuf Abbo einem breiten, aber auch dem Fachpublikum kaum bekannt. Erst seit kurzem wird er wiederentdeckt, und es wird seines Schicksals gedacht. Ein Grund des Vergessens ist sicherlich, dass ein Großteil seiner Werke im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ und auch von ihm selbst im Londoner Exil vernichtet wurde oder verschollen ist. Zu seinen Lebzeiten jedoch, bis zu seiner Emigration nach England, galt er als einer der bedeutenden Bildhauer der künstlerischen Moderne in der Weimarer Zeit.

Die Dichterin Else Lasker-Schüler, mit der ihn eine kurze, intensive Freundschaft verband, war von seiner exotischen Erscheinung fasziniert. Mag zwar sein Äußeres fremd und orientalisch erschienen sein und Abbo diese Selbststilisierung auch gerne gepflegt haben, so wenig exotisch ist in Wirklichkeit seine Kunst. Künstlerisch und stilistisch lässt er sich eindeutig als figurativer Moderner in der Kunst seiner Zeit verorten. Seine traditionell akademische Ausbildung prägte ihn, doch dem jungen Bildhauer ging es bei seinen plastischen Köpfen nicht um die Porträtähnlichkeit oder den expressiven Ausdruck eines Gesichts, sondern um die abstrahierte Wirkungsform eines Kopfes – als wiederkehrendes Motiv wird der Kopf wird bei Abbo zum plastischen Ereignis. Zugleich experimentierte er in seinem plastischen Œuvre mit vielfältigen Materialien, verschiedenen Techniken und expressiven Oberflächengestaltungen sowie der Sichtbarmachung von Arbeitsprozessen.

Im Gegensatz zu seinen Skulpturen haftet Abbos expressionistischen Zeichnungen und Druckgrafiken etwas schnell Hingeworfenes, Fragmentarisches und Skizzenhaftes an. Bevorzugtes Motiv sind weibliche Akte und Köpfe, häufig in ruhender Stellung, mit geschlossenen Augen oder lesend, oftmals jedoch in ungewöhnlichen Posen oder Ansichten. Verschiedene Motive und Figurenfragmente finden sich manchmal in unterschiedlichen Größenverhältnissen auf einem Blatt, neben- oder gar übereinandergestellt und sich überschneidend. Sie sind expressiv aus der Bewegung heraus mit Kohle oder Tusche gezeichnet und durch fleckenhafte Hell-Dunkel-Kontraste akzentuiert. Abbos Äußerungen zu seiner Kunst sind rar, doch 1923 schrieb er: „Meine Zeichnungen sind meist Studien, Notizen, Fragmente, die ich fest halte zu meinen eigenen Zwecken. […] Das Fragment ist meist sehr wahr, aus dem Impuls heraus, ungeglättet, ungeschmeichelt.“

2018 erhielt die Kunststiftung Bernhard Sprengel und Freunde aus dem Nachlass der Schwiegertochter eine Schenkung von acht grafischen Arbeiten. 2019 wurde dem Sprengel Museum Hannover eine weitere umfangreiche Schenkung von insgesamt 52 Werken, darunter 21 Zeichnungen, 28 Grafiken und 3 Skulpturen aus der Privatsammlung von Ernst J. Kirchertz, Bad Münder, übergeben. Aus diesem Grund präsentieren wir den gesamten Bestand des grafischen, zeichnerischen und skulpturalen Werkes, der sich jetzt im Museum befindet. Hinzu kommen 36 Werke von Künstlern aus dem Berliner und hannoverschen Umfeld, u. a. von Ernst Barlach, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Wilhelm Lehmbruck, Emil Nolde, Emy Roeder und Renée Sintenis. Im Rahmen der Reihe „Beiträge zur Sammlung“ erscheint ein Bestandsverzeichnis von 68 Seiten und 71 Abbildungen mit einem einführenden Text von Karin Orchard zum Preis von 12 EUR.

Kuratorin: Karin Orchard


BEGLEITVERANSTALTUNGEN ZUR AUSSTELLUNG

DI 10. MÄRZ, 18.30 UHR
KURATOR*INNENFÜHRUNG
JUSSUF ABBO
mit Karin Orchard